9 Juni 1999
Suddeutsche Zeitung

Ein Prinz für die Demokratie 

Jugoslawiens Thronanwärter sieht sich als Retter der Nation, obwohl er nicht einmal richtig Serbisch kann 
Von Daniel Brössler 
München – In Suite 212 funktioniert die Stromversorgung, das Wasser läuft, nächtlicher Luftschutzalarm ist nicht zu befürchten. Nirgendwo sonst bietet Jugoslawien so viele Annehmlichkeiten. Kein Wunder, Suite 212 hat eine feine Adresse: Hotel Claridge s, Brook Street, unweit vom Londoner Hyde-Park. Daß Suite 212 dennoch zum jugoslawischen Hoheitsgebiet wurde, hat mit den Gästen zu tun, die hier einst logierten: Jugoslawiens König Peter II., der sein Land auf der Flucht vor den Deutschen 1941 verlassen hatte, und seine Gemahlin. Am 17. Juli 1945 gebar Königin Alexandra in dem Hotelzimmer einen Thronfolger. Weil aber nur Jugoslawiens König werden konnte, wer auf heimatlichem Boden zur Welt kam, erklärte die britische Regierung Suite 212 einfach zu jugoslawischem Territorium. Prinz Alexander hat diese Geste bisher wenig genutzt. Belgrads kommunistischer Führer Josip Tito ließ den Kronprinzen 1947 ebenso ausbürgern wie dessen Vater. So wenig glaubte die Familie an eine Rückkehr, daß der junge Alexander nicht einmal Serbisch lernte. Er besuchte teure Schulen in der Schweiz wie auch in Amerika und absolvierte später die Königliche britische Militärakademie. Eine durchaus aristokratische Erziehung also, aber keine Vorbereitung auf den Thron. 
Mann im Nadelstreifenanzug 
Und so sitzt in der Lobby eines Münchner Hotels ein Mann im dunkelblauen Nadelstreifenanzug mit einem rundlichen Gesicht und der zufriedenen Ausstrahlung eines Mitglieds der britischen Upper-Class, keineswegs aber mit der Aura eines Königs. „Bis in die siebziger und achtziger Jahre haben wir alle geglaubt, daß der Kommunismus lange bleiben würde. Als die Berliner Mauer fiel, war das eine wundervolle Überraschung. 1989 änderte sich mein Leben. “ Das Telephon begann pausenlos im Büro an der Londoner Park Lane zu klingeln, Briefe türmten sich, monarchistische Serben sahen eine Chance für eine Rückkehr der Karadjordje-Dynastie zur Macht. 
1991 besuchte der erfolgreiche britische Geschäftsmann Alexander Karadjordjevic das erste Mal die Heimat seiner Ahnen, die das Land mit langen Unterbrechungen seit 1811 regiert hatten. Hunderttausende bereiteten Alexander einen begeisterten Empfang. Der Prinz war gerührt, wenngleich er sich mit den Menschen ohne Übersetzer nicht verständigen konnte. In jenen Tagen war es wohl, daß Alexander an die Möglichkeit einer Thronbesteigung ernsthaft zu glauben begann. Daran, daß seiner Heimat mit einer konstitutionellen Monarchie seither viel erspart geblieben wäre, zweifelt er nicht. Für den „Diktator Slobodan Milosevic, der die Menschen zehn Jahre lang empörend irregeleitet hat“ empfindet er Verachtung. Nicht unbedingt wie ein aufgebrachter Serbe wirkt er, wenn er so spricht, eher wie das angewiederte Aufsichtsratsmitglied mehrerer britischer Finanzinstitute. Aufschlußreich sind Alexanders Worte über seine große Leitfigur, Spaniens König Juan Carlos. Den bewundert er, weil es ihm gelang, Spanien von der Diktatur zur Demokratie zu führen. „Der König hat mit Erfolg die Menschen zusammengebracht, weil er nicht Mitglied irgendeiner politischen Partei war. Er war eher wie der Vorsitzende eines Aufsichtsrates.“ 
In der Demokratie sieht der Prinz „meine Mission“. Und nun, nach der Katastrophe der vergangenen Monate, glaubt er seine Zeit gekommen, sieht er sich als Retter der geschundenen Nation. „Um es unverblümt zu sagen: Wer sonst? Wer sonst wäre da? Wer hätte solche Kontakte?“ Der Prinz lacht. Er versteht es, sein Gegenüber für einen Augenblick davon zu überzeugen, er sei die Lösung aller serbischen Probleme. Weniger durch Charisma überzeugt er, sondern durch unerschütterliches Selbstvertrauen. 
Von seinem ersten Tag auf dem Thron hat Alexander schon eine genaue Vorstellung: „Ich würde alle politischen Führer zusammenrufen, sie daran erinnern, daß dies ihr Land ist, sie aufrufen, ihre Streitigkeiten beizulegen und für eine bessere Zukunft zu arbeiten, Freundschaft mit dem Westen zu schließen.“ Und die Probleme? Würde er die Albaner mit dem Kosovo ziehen lassen? Da schlüpft der Prinz in die Rolle des Diplomaten. „Lassen Sie die Leute entscheiden. Vergessen Sie nicht, daß im Kosovo für Jahrhunderte Albaner und Serben zusammengelebt haben. Sie sind miteinander zurechtgekommen, bis einige zwielichtige Gestalten gekommen sind und ihnen etwas anderes aufgeschwätzt haben, seien es Terroristen der UCK oder Führer in Belgrad.“ 
„Es lebe der König“ 
Stunden später klingt das anders. Prinz Alexander und Prinzessin Katherine, eine Griechin bürgerlicher Herkunft, sind zu Besuch im serbisch-orthodoxen Gemeindezentrum im Münchner Stadtteil Neuperlach. Nach dem Gottesdienst, in dem der Pfarrer die Einheit von Dynastie und Kirche beschwört, hält Alexander eine kurze Rede. Von der „heiligen serbischen Erde“ des Kosovo spricht er, die nie von Serbien getrennt werden dürfe, von der „Aggression der Nato-Staaten gegen Jugoslawien“, vom „Bruch des Völkerrechts“. Obwohl in gebrochenem Serbisch vom Blatt abgelesen, kommen die Worte an. Einige hundert Zuhörer sind begeistert, einige rufen: „Es lebe der König.“ Auf das Stichwort hat Alexander gewartet. Jetzt legt er los. „Serbien und Montenegro haben eine Zukunft“, ruft er, „aber nur auf demokratischer Basis. Wir dürfen nicht das Nordkorea Europas werden“. Zumindest hier gelingt dem Prinzen, was viele nicht mehr für möglich halten. Ein Serbien ohne Milosevic fordert er, und ein Saal voller Serben bebt vor Begeisterung. 
Mißtöne gibt es erst beim Abendessen, als ein Gast ehrfürchtig das Wort an die „Hoheiten“ richtet. Er berichtet von seinem nicht ganz unbedeutendem Vermögen, von der Idee, mit 171 Gleichgesinnten eine Bank zu gründen, um Serbien wieder auf die Beine zu helfen, und bittet um die Schirmherrschaft der Prinzessin Katherine. Alexander hält von alledem wenig. Das Geld sei doch bei einer anerkannten westlichen Bank besser angelegt, meint er. Schließlich empfiehlt er engagiert dieses und jenes Haus. Als Anlageberater ist Alexander Karadjordjevic in seinem Element, das erste Mal an diesem langen Tag. 

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